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Sind Kriegsenkel entwurzelt, rastlos und getrieben?

Die Kriegsenkel - entwurzelt, rastlos und getrieben?

Haben Ihre Eltern den Krieg erlebt?

Mussten Ihre Eltern als Kinder fliehen?

Und vielleicht auch Hab und Gut zurück lassen?

Aufgewachsen mit traumatisierten Eltern, die als Kinder den Nationalsozialismus, Krieg und Flucht erlebt haben, ist unsere Generation der Kriegsenkel in den letzten Jahren verstärkt in den Blickwinkel geraten.

Ist das ganz besondere Erbe, das wir tragen, eine immerwährende Belastung für unser Leben?

Oder haben Kriegsenkel auch besondere Stärken und Fähigkeiten?

Diplom Sozialpädagogin Ingrid Meyer-Legrand richtet in ihrem Buch „Die Kraft der Kriegsenkel“ ihr Augenmerk auf die Ressourcen der Enkelkinder von Menschen, die als Kinder Krieg erlebt haben.

Ewig nicht ankommen - Beruflich oder privat

Ingrid Meyer-Legrand führt als systemische Therapeutin, Supervisorin und Coach eine eigene Praxis in Berlin und Brüssel.

Anhand der vielen Fälle, die zu ihr in die Praxis kommen, hat sie über die Jahre ein spezielles Muster erkannt, das die Generation der Kriegsenkel auszeichnet.

Viele wagen es nicht, beruflich oder privat, wirklich anzukommen.

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Das mag Stress machen und unbequem erscheinen. Doch natürlich gibt es nie nur Nachteile.

Denn dieses „immer wieder neu anfangen“, die Ruhe- und Rastlosigkeit befähigt Menschen auch, flexibel auf Veränderungen reagieren.

Durch unsere Familiengeschichten und besondere Sozialisierung haben viele von uns auch eine mentale Ausstattung entwickelt, die es uns ermöglicht, mit heutigen Herausforderungen besser umzugehen.

Wichtig ist, dass Betroffene nicht nur ihre Schwächen sehen, sondern auch ihre Stärken erkennen. Und das eigene Muster in ihrem Leben wahrnehmen.

Wir sind aufgerufen, unser eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen. Um unserer Kinder und Kindeskinder wegen. 

Die Kriegsenkel - entwurzelt, rastlos und getrieben?

Die Idee zu dem Buch entstand, weil Therapeuten und Berater ein Phänomen beobachteten: Viele Menschen besonders der Jahrgänge 1950 bis etwa 1980 hadern mit ihrem Leben. Und fragen sich, wie sie endlich darin einen Platz finden könnten.

Nur wenige professionelle Helferinnen und Helfer konnten sich erklären, warum viele aus diesen Jahrgängen das Gefühl hatten, immer noch auf der Flucht zu sein.

Autorin Ingrid Meyer-Legrand erinnert sich: „Viele, die in meine Praxis kamen, zeigten sich zutiefst verunsichert. Sie zweifelten häufig an sich selbst. Und meinten, keine Existenzberechtigung zu haben.

  • Bis heute fühlen sich viele Kriegsenkel entwurzelt, viele rastlos und getrieben. 
  • Sie leiden entweder unter völligem Stillstand oder arbeiten bis zum Umfallen.
  • Oftmals können sie bemerkenswerte Karrieren vorweisen und sind beruflich anerkannt und erfolgreich.
  • Trotzdem klagen sie über eine innere Leere und darüber, dass sich keine Zufriedenheit einstellt.

Viele fragen sich:

  • Bin ich es überhaupt wert, Erfolg zu haben? 
  • Bin ich es wert, in einer Beziehung zu leben oder eine Familie zu haben?
  • Darf ich erfolgreicher sein als mein Vater oder meine Mutter? (Denen dazu die Möglichkeit fehlte, die mit schlimmen Erlebnissen während des Krieges und auf der Flucht konfrontiert waren?)“


Kriegsenkel sind anders - Schritte der Erkenntnis

Im Jahr 2005 gingen die Kriegskinder im gleichnamigen Kongress in Frankfurt am Main mit herausragenden Experten wie Peter Händel und anderen an die Öffentlichkeit.

Ein paar Jahre später war es ihnen dann möglich, über diese ganz spezielle Thematik in der Gesellschaft einen Diskurs zu entwickeln.

Und so haben sich besonders die in den 1960er Jahren Geborenen im Zuge dessen als Kriegsenkel neu erfunden.

Kriegsenkel führen einen biografischen Rucksack an

  • leidvollen Erfahrungen, 
  • Sehnsüchten,
  • neuen Lebensmodellen und
  • Kompetenzen mit sich.

Um den Generationen"knoten" aufzulösen, betrachten wir im ersten Schritt das Leben unserer Eltern als Kriegskinder.

Und im zweiten Schritt betrachten wir unser eigenes Heranwachsen in einer Gesellschaft mit zahlreichen, oftmals unübersichtlichen Optionen und Angeboten.

Leid gepaart mit Potential und Kompetenzen

Die besondere Geschichte unserer Eltern ist die der Kriegs- und Flüchtlingskinder. 

Aus dieser Erkenntnis offenbart sich uns Kriegsenkel dieser Zusammenhang von

  • sehr viel Leid und schuldhaftem Verhalten mit
  • großem Potenzial, 
  • zahlreichen Ressourcen und
  • vielfältigen Kompetenzen. 

All dies haben wir Kriegsenkel zur weiteren Gestaltung unseres eigenen Lebens genutzt.

Wir haben dadurch auch unser gesellschaftliches Umfeld aufgebaut. Und das werden wir weiterhin tun.

Wir arbeiten verantwortlich mit an der Gestaltung einer mitfühlenden, menschlichen und demokratischen Gesellschaft. Wir sehen Unterschiedlichkeit, das Andere und das Fremde als Bereicherung.

So kann die nächste Generation eine befreite Generation sein. Darin besteht unser gesellschaftliches Potenzial.

Lösung: My Life Storyboard

So entwickelte die Autorin das „My Life Storyboard“.

Das ist eine spezielle Biografiearbeit, die es uns ermöglicht, den roten Faden im eigenen Leben zu erkennen. Und die eigene Lebensleistungen schätzen zu lernen. 

Klienten, die zu Ingrid Meyer-Legrand in die Praxis kommen, beginnen im ersten Schritt ihre Geschichte aufzuarbeiten.

Das tun sie mit dem sogenannten Storyboard. Dabei zeichnen sie typische Situationen und Szenen, an die sie sich aus der jeweiligen biografischen Situation erinnern.

Damit die Fantasie angeregt wird, stellte Ingrid Meyer-Legrand den Klienten vorher Fragen zum jeweiligen Themenbereich. (Z.B. Herkunftsfamilie, Schule und Generation)

Beispiel Herkunftsfamilie

Die Herkunftsfamilie ist für jeden sehr prägend.

Wir verbringen doch mindestens 16 Jahre oder länger in unseren Familien. Und entwickeln in diesem sehr engen Beziehungsgeflecht über viele Jahre und unterschiedliche Entwicklungsphasen hinweg sehr spezifische Umgangs- und Auseinandersetzungsformen.

Ganz besonders entwickeln sich hier unsere

  • Überzeugungen, 
  • Muster und
  • Modelle 

von Zusammenleben, Arbeit, Erfolg, Beruf, Kindererziehung, u.v.m.

Fragen, die zum Zeichnen eines Storyboards zum Thema Herkunftsfamilie nützlich sind:

  • Welches Bild oder Gefühl taucht auf, wenn Sie an Ihre Herkunftsfamilie und an Ihrer Erziehung denken?
  • Was haben Sie sich in dieser Zeit gewünscht?
  • Worauf sind Sie stolz?
  • Was haben Sie vermisst?
  • Welche Rolle hatten Sie in Ihrer Familie inne?

Bei der Arbeit mit dem Storyboard „My Life“ geht es darum uns selber kennen zu lernen.

Und zu erkennen, wie wir die in den verschiedensten Kontexten und Lebensphasen erworbenen Kompetenzen für unser aktuelles Anliegen nutzbar machen können.

Dieser Prozess wird im Buch an einem Beispiel ausführlich dargestellt.

Auswertung Storyboard

Hat der Klient das Storyboard angefertigt, kann er ausführlich über die Szene sprechen und erklären, was er gezeichnet hat. Und welche Gefühle er mit der Skizze verbindet.

Die Szene wird vor allem in Verbindung mit der aktuellen Frage des Klienten betrachtet.

  • Welche Verbindung zur aktuellen Frage scheint auf? 
  • Liegt in den Szenen womöglich ein besonderes Potenzial, um das derzeitige Anliegen zu klären?

Die Storyboards wirken wie ein großer Bogen.

Er wird von der Rolle gespannt, die wir in unserer Herkunftsfamilie gespielt haben. Weiter über die Rolle, die wir in der Schule und unserer Generation übernommen haben. Bis hin zu der Rolle, die wir in unserer aktuellen Tätigkeit oder Situation einnehmen.

Dieser Bogen macht ein ganz spezifisches und zuverlässiges Deutungs- und Handlungsmuster sichtbar.

Plötzlich erscheint der eigene Lebenslauf wie ein einzigartiges Curriculum. Unsere Geschichte, die wir durchlaufen haben, um mit spezifischen Aufgaben ganz speziell umzugehen.

Ingrid Meyer-Legrand schreibt im Buch: „In dieser Weise mit der eigenen Biografie umzugehen kann sehr hilfreich sein.

Die Klienten untersuchen diese systematisch auf Kompetenzen hin. Und reflektieren ihre Handlungen und Gefühle.

Das ist insbesondere für Kriegsenkel in Anbetracht von Individualisierung und Optionsvielfalt in dieser Gesellschaft wichtig. Die eigene Lebensgeschichte als Prozess zu verstehen, die in einem permanenten Wandel steht, wird so als Bereicherung erlebt.“

In die Zukunft schauen

„Die Kinder der Kriegsenkel (also unsere Kinder) können heute auf ein ganz besonderes Konto kulturellen Reichtums in ihrem Leben zurückgreifen.

Einen Reichtum, der auf den Erfahrungen der Generationen vor ihnen begründet ist. Einer Generation, die durch ernsthafte Reflexion und Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte befriedet ist.

Auf diesem Weg kann die Geschichte nicht länger nur Last, sondern auch als reiche Quelle aufgefasst werden.

Unsere Kinder haben inzwischen gelernt, sich statt einer Zwangsheimat aus Glaube, Treue, Tradition und Milieu neue Wahlheimaten zu suchen.

Oder auch zu gestalten:

  • In einer Weltanschauung ihrer Wahl, 
  • in wechselnden Partnerschaften ihrer Wahl und
  • dauerhaften Freundschaften über alle Grenzen hinweg.“

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Buchtipp

Die Kraft der Kriegsenkel
Wie Kriegsenkel heute ihr biografisches Erbe erkennen und nutzen
Ingrid Meyer-Legrand
Europa Verlag
ISBN 978-3-95890-008-0

Sind Kriegsenkel rastlos, getrieben und  entwurzelt?
Ewig nicht ankommen? Buchauszug
My Life Storyboard - aus dem Buch "Die Kraft der Kriegsenkel"

Bilderverzeichnis

  • Sind Kriegsenkel rastlos, getrieben und entwurzelt?: brfcs
  • Ewig nicht ankommen? Buchauszug: brfcs
  • My Life Storyboard – aus dem Buch “Die Kraft der Kriegsenkel”: brfcs
  • Die Kriegsenkel – entwurzelt, rastlos und getrieben?: brfcs

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