„Du solltest dich schämen!“ – Betrachtung der Scham als Emotion

Über viele Jahrtausende hinweg wurden und werden Frauen für bestimmte Verhaltensweisen kritisiert, die bei Männern gelobt werden, das „sich schämen“ wurde bewusst eingesetzt. 

Um Selbstbestimmung, Unabhängigkeit, Eigeninitiative zu reduzieren. 

Ich selber habe noch die Stimme meiner Großmutter mit ähnlichen Zurechtweisungen im Ohr, auf die ich solange keck: „Warum?“ geantwortet habe, bis sie es aufgab. Mädchen wurden und werden schon von klein auf mit Maßregelungen dazu erzogen, Schamgefühl für Verhaltensweisen zu empfinden, die bei Burschen sogar noch gelobt werden. 

In diesem Beitrag gehen wir der Scham und dem „sich schämen“ auf den Grund und zeigen zum Schluss die eine oder andere Lösung auf.

Socken stopfen, statt Spaß haben

Klettert ein Mädchen auf einen Baum, wird es wahrscheinlich sehr bald von einem Erwachsenen ermahnt, herunterzukommen. Breitbeinig zu sitzen ist nicht „damenhaft“ – auch wenn man gerade eine Hose anhat. Und wenn ein Mädchen seine Sportlichkeit und seinen Mut unter Beweis stellt, dann erntet es weniger Begeisterung von seiner Umgebung als es ein Bursche tut.

Und so lernt schon das kleine Mädchen Scham fühlen. Sich ihres Körpers zu schämen.

Daran hat sich auch im neuen Jahrtausend nicht geändert, oder doch?

Im Gegenteil es ist noch vieles dazugekommen, so scheint es mir. Oder vielleicht nur sichtbarer geworden.

Auf den Stopfpilz, den ich von meiner Großmutter geerbt habe, steht: „Auch wenn die Buben draußen locken, bleib zu Hause und stopfe Socken.“

Mit Buben ist wohl nicht nur die tatsächlichen Buben gemeint, auch Unabhängigkeit, Wagemut und das Autonom werden sind „Burschen“ vor denen uns Muttern schützen möchte, weil wir sonst keinen Mann abbekommen, der uns ernährt (und „besitzt“).

Eva Laspas

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Wir lassen es zu

Obwohl vor nahezu 100 Jahren auf den Stopfpilz geschrieben, geistert die Mär vom „braven Mädchen“ immer noch in unseren Köpfen herum. Wir Frauen werden viel öfter eingeengt, als sie selber und wir alle es merken. Und wir lassen es zu, schämen uns und passen uns an. Weil uns unsere Scham es diktiert.

Das ganze wird auch noch immer von der Mode unterstützt, die uns Frauen eindeutig Kleidung an den Leib schneidert, die uns in unserer Bewegung hindern. Drei davon seien hier aufgezählt:

  • Enge Röcke, in denen frau nicht schreiten kann (oder gar auf Bäume zu klettern). 
  • Hohe und enge Schuhe, in denen wir keinen Bodenkontakt haben und Schmerzen leiden.
  • BH’s die unsere Brust in den Stillstand quetschen, den Lymphfluss stauen und langfristig Probleme bereiten.

Diese Kleiderordnung alleine macht uns immer noch still und artig auf dem Stuhl in der Stube hocken bleiben. Aber es gibt da noch viel mehr.

Sich aufgeben, um sich anzupassen?

Dr. Christiane Northrup schreibt darüber in ihrem Buch „Mutter-Tochter-Weisheiten“: „Diese Doppelmoral führt dazu, dass Frauen sich in manchen Bereichen so sehr zurück nehmen, dass sie andere Verhaltensweisen entwickeln, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen.

Das können zwanghafte Verhaltensmuster wie Putzen oder Zwangsvorstellungen vom „zu dick sein“ oder „zu dünn sein“ sein oder gar in einer Sucht münden. Auch Krankheiten dienen als Ersatzbefriedigung der versagten Bestätigungen.“

Mädchen, klettere wieder auf die Bäume! (Wenn da welche wären, auf die frau klettern kann, denn im städtischen Bereich sind in den letzten 30 Jahren systematisch alle Äste, die frau erreichen, auf die frau steigen könnte, abgeschnitten worden... Ich hatte noch Bäume, auf die ich stieg.)

Was ist Schamgefühl?

Dr. Christiane Northrup ist ein begnadete Ärztin und Schriftstellerin, ihre Bücher lesen sich wie „Butter“, einfühlend und respektvoll behandeln sie Frauenthemen. In ihrem Buch „Mutter-Tochter-Weisheiten“ schreibt sie unter anderem auch über das Thema „Scham“:

Was wir tun und was wir lassen sollten, lernen wir insbesondere von den Eltern und diese Informationen werden im Gehirn gespeichert. Unsere physische und psychische Gesundheit wird lebenslang dadurch beeinflusst, inwieweit wir in Einklang mit dem angemessenen Wertesystem (unserer Eltern und Kultur) leben. Aber um lernen zu können, was angemessen ist, müssen wir als Kind ein gewisses Schamgefühl entwickeln.“

Also sollen wir uns doch schämen lernen? 

Ich denke nein, denn ein natürliches Schamgefühl ist angeboren. Es zusätzlich noch in eine bestimmte Richtung zu drängen und zu forcieren, beengt den Menschen.

Beispiele wären, die natürliche Scham, die sich mit Eintreten der Pubertät zeigt oder die Scham, wenn einem Kleinkind etwas hinunterfällt. Bei meinen Kindern habe ich beobachtet, dass sie Schamgefühl der Eltern und Erzieher mit übernehmen. Das ist genug an Altlast, meine ich.

Im Buch „Mutter-Tochter-Weisheiten“ steht ähnliches: „Scham kann natürlich sehr „eng“ gestrickt sein und uns in späteren Jahren einengen und unsere Gesundheit immens negativ beeinflussen.

Doch ist es wichtig, dass jedes Kind ein gewisses Sozialverhalten entwickelt. Dazu gibt es Strukturen, Regeln und Disziplin. Scham wiederum hilft, Verhaltensweisen zu korrigieren, die im Umgang mit anderen nicht angemessen sind, und erlauben dem Kind, sich in die Gemeinschaft einzufügen.“

Ist Scham nützlich?

Wichtig dabei ist, auf welche Weise das Kind lernt, sein eigenes Verhalten einzuschätzen. 

Früher haben es uns die Eltern und Erzieher mit einem Klaps, dem Gürtel oder dem Rohrstab beigebracht, wo Scham angebracht war. „Böses Mädchen, böses Mädchen!“

Dr. Northrup schreibt dazu: „Eine Mutter, die Zugang zu ihren eigenen Gefühlen hat, wird zwischen der Nichtakzeptanz 

  • des kindlichen Verhaltens (gerechtfertigte Scham) und 
  • des Kindes selbst (ungerechtfertigte Scham) unterscheiden können. 

So beobachtete ich kürzlich bei einer größeren Veranstaltung ein etwa zwei Jahre altes Mädchen, das zwischen den Füßen der Leute herumkrabbelte. Seine Mutter hob es behutsam hoch, nahm es beiseite und erklärte ihm in ruhigem Tonfall, dass es damit aufhören müsse, weil es sonst die anderen störe.

Daraufhin spielte das Mädchen friedlich mit seinem Spielzeug. Seine Selbstachtung blieb gewahrt. Gleichzeitig hatte es aber auch verstanden, dass sein Verhalten in dieser Situation unangemessen war. 

Hätte die Mutter ihm dagegen vermittelt, es selbst sei wegen seines Verhaltens unakzeptabel, hätte dies ungerechtfertigte Schamgefühle auslösen können. Diese hätten so schmerzlich sein können, dass das Kind sich emotional verschließt, um diese Gefühle nicht mehr zu spüren. Dadurch wären wiederum die Schaltkreise zwischen Körper und Gehirn unterbrochen worden …

... Ungerechtfertigte Schamgefühle können ein Kind zu dem Schluss kommen lassen, ein geborener Versager zu sein. Das kann langfristig Folgen in Form von Minderwertigkeitskomplexen, Depressionen oder Autoimmunerkrankungen mit sich bringen.“

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Scham als Familienmuster

Innerhalb einer Familie kann Scham aber auch von Generation zu Generation weitergegeben werden, weil sie dazu benutzt wird, die Gefühle oder auch materielle Dinge der anderen Familienmitglieder zu kontrollieren.

Die Eltern sind damit die sogenannten „Schamgeber“, die Kinder die „Schamempfänger“. Im ihrem Buch „Mutter-Tochter-Weisheiten“ schreibt Dr. Northrup über die Eigenschaften derselben:

Typische Schamgeber:

  • Narzisstische Menschen wirken zwar unabhängig, haben in Wirklichkeit aber Probleme mit dem Alleinsein und brauchen daher die Familie oder andere bewundernde „Spiegelhalter“.
  • Sie haben wenig oder gar keine echten Freunde, weil ihre Beziehungen nicht auf Gegenseitigkeit beruhen.
  • Und sie knausern meist mit Geschenken, Tipps und Lob und haben auch kein Problem damit, andere für sich bezahlen zu lassen.

...

Typische Schamempfänger

  • geben im Zweifelsfall jedem Recht, 
  • möchten unbedingt gefallen und lassen sich deshalb oft von anderen ausnutzen,
  • haben häufig Gewichtsprobleme,
  • revanchieren sich sofort,
  • wenn jemand für sie bezahlt bzw. fühlen sich nicht wohl,
  • wenn jemand ihnen etwas spendiert,
  • haben viele enge Freunde und kümmern sich um deren Probleme,
  • machen übertrieben Geschenke.

...

Wie du dich ab heute weniger schämen kannst

Sein Verhalten ständig zu überprüfen, seinen Emotionen stetig zu gehorchen und irgendwelchen Normen anzupassen (die nur in meiner eigenen Vorstellung existieren), braucht sehr viel Energie. Und es kostet das eigene Leben.

Das gilt auch für das Schamgefühl. Zu viel davon macht unfrei.

Es macht daher Sinn, alle Emotionen zu betrachten. Wertfrei.

In der Erkenntnis liegt die Lösung. Hinterfrage einfach alles. Und ganz besonders deine Emotionen. 

 

Stelle dir Fragen wie z.B:

  • Passt diese Emotion noch zu mir?
  • Dient mir diese Emotion zu etwas?
  • Wenn ja, könnte ich das auch ohne diese Emotion bekommen?
  • Ist das mein Schamgefühl oder habe ich es von jemandem übernommen?
  • Was passiert, wenn ich das trotzdem mache, auch wenn ich mich schäme?

Probiere es wirklich immer wieder mal, etwas trotzdeinem Schamgefühl zu tun. (Es muss ja nicht gleich sein, dass du nackt in der U-Bahn fährst.) Und beobachte, was passiert. In den allermeisten Fällen wirst du am Leben bleiben. Doch durch solche kleinen „Mutproben“ wirst du die Scham überall dort ablegen, wo sie dir nicht nützlich ist. 

Fazit

Welche Kraft solche Mechanismen haben, erkennen wir oft erst dann, wenn wir uns damit auseinander setzen. Die Auseinandersetzung beginnt meist mit Leid.

Wenn der Leidensdruck groß genug ist, beginnen wir die Suche. Zuerst im Äußeren, erkenne wir (hoffentlich bald), dass wir nur im Inneren fündig werden ...

Vergessen wir also das Sockenstopfen, die Socken heutzutage sind es sowieso nicht mehr wert, gehen wir lieber hinaus, wo uns die Buben (das Abenteuer, die Selbstfindung, das Stark und autonom werden) lockt.

Und klettern wir öfter ohne Scham auf Bäume, gehen ohne BH und fühlen das wunderbare Wippen auf den Rippen, verteidigen wir auf flachen, bequemen und dennoch schönen Schuhen unseren Standpunkt oder sitzen breitbeinig, um uns mit Mutter Erde besser zu vereinigen ...

Eva Laspas, Herausgeberin

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Möglichkeiten

Buchtipp:

Mutter-Tochter-Weisheiten
Dr. Christiane Northrup
Verlag Zabert Sandmann
ISBN 3898831361

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Bilderverzeichnis

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